Der Zauberer

Das Leibgericht des Mullahs war “Fesenjan” – ein Gericht, das mit Nüssen zubereitet wird. Seine Frau hatte ihm das Gericht versprochen und nun wollte der Mullah die Nüsse dafür aus dem Nusskrug holen. Er fasste tief in den Krug und ergriff so viele Nüsse, wie er fassen konnte. Als er seinen Arm herausziehen wollte, gelang ihm das aber nicht. So sehr er auch zog und zerrte, der Krug wollte seinen Arm nicht mehr freigeben. Er jammerte und fluchte so, wie es ein Mullah eigentlich nicht tun sollte, aber nichts half. Sogar seine Frau zog aus Leibeskräften am Krug, aber auch sie konnte nichts erreichen. So wurden die Nachbarn zu Hilfe gerufen, die beobachteten aber nur schaulustig das Geschehen. Jedoch einer von ihnen trat hervor und schaute sich die Sache genau an. Er fragte den Mullah, wie es dazu gekommen war und der erzählte ihm weinerlich die Begebenheit. Da sprach der Nachbar: “Ich kann Dir helfen. Dafür musst Du aber genau das tun, was ich Dir sage.” Der Mullah antwortete: “Ich tu‘ alles, wenn mir nur geholfen wird.” Der Nachbar forderte den Mullah als erstes auf, seinen Arm wieder zurück in den Krug zu schieben. Der Mullah fand das sehr seltsam, denn schließlich wollte er ja die Hand aus dem Krug und nicht noch weiter hinein bekommen. Aber er tat, wie ihm geheißen. Dann sagte der Nachbar, der Mullah solle nun die Nüsse loslassen. Der Mullah war ärgerlich, denn er wollte doch schließlich die Nüsse für sein Leibgericht. Widerwillig tat er, was der Nachbar forderte. “Und nun mach Deine Hand ganz schmal und zieh sie heraus.” Der Mullah tat’s und war frei. Aber zufrieden war er nicht. “Ich bin jetzt zwar vom Krug befreit, aber ich habe keine Nüsse!” Da ergriff der Nachbar den Krug, kippte ihn um und ließ so viele Nüsse herausrollen, wie der Mullah brauchte. Der Mullah stand mit weit aufgerissenen Augen da und sagte: “Sag, bist Du ein Zauberer?”
(aus “Der Kaufmann und der Papagei” von Nossrat Peseschkian)

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Eine Antwort auf Der Zauberer

  1. Bärbel Kafai Ghaini sagt:

    Mein Schwiegervater („Friede sei mit ihm“) war Mullah und Fesenjan – Ente in einer Sauce aus Granatapfelsaft und Walnüssen – schmeckt köstlich …..
    Im Ernst, von einem Kollegen erhielt ich ein schönes Bild bezüglich „Loslassen“, welches ich im Hinblick auf andere Menschen sehr liebe. Will´s gern weitergeben: Ich stelle mir zunächst meinen Arm ausgestreckt und die Hand als Faust vor – ich halte also etwas mit meiner Faust fest. Nun kann ich auf zweierlei Art loslassen: Öffne ich die Faust mit der Handfläche nach unten, so entfernt sich „das Losgelassene“ von mir, fällt vielleicht zu Boden. Lasse ich jedoch mit der Handfläche nach oben los, so kann das, was ich loslasse, frei und authentisch sein (kann sich frei bewegen oder entscheiden), wird jedoch von meiner Handfläche eventuell gestützt.
    In diesem Sinn ist Loslassen für mich Zauberei …..
    Liebe Grüße
    Bärbel

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